Mahndepots in Dresden

Veröffentlichungen

Sächsische Zeitung, Samstag, 11. Februar 2006

„Nicht wahr, wir dürfen weinen“

Von Katja Solbrig

Gedenken. Ursula Heidrich wurde im Februar 1945 ermordet. Ein Mahndepot erinnert an ihr Schicksal.

Geblieben ist dieses Bild. Und einige andere Fotos, auf denen die großen dunklen Augen der Ursula Heidrich in die Kamera schauen, mal scheu fragend, mal fröhlich und vergnügt. „Dieses Mädchen war offensichtlich ein besonderer Mensch, der Spuren hinterlassen hat bei anderen Menschen, der sich eingeprägt hat“, sagt Jürgen Trogisch. Er hat Ursulas Geschichte erforscht. Ein Einzelschicksal, stellvertretend für viele andere, die in Pirna-Sonnenstein getötet wurden. Weil sie behindert waren. Doch wer bestimmt, wer behindert ist?

Jürgen Trogisch hat ab 1970 den Katharinenhof in Großhennersdorf geleitet, in dem behinderte Menschen betreut werden. Er recherchierte über die Geschichte der Anstalt während der Nazizeit. Von Ursula erzählten die Diakonissen, die damals Pflegerinnen waren, immer wieder, schließlich fand er Krankenakten und die Fotos. „Ich hatte einfach keine Zeit, mehr Schicksale zu verfolgen“, sagt er heute. Das von Ursula hat er aufgeschrieben.

Ursula Heidrich wird am 19. November 1929 in Dresden geboren und einen Tag später in der Herz-Jesu-Kirche getauft. Ihre Mutter ist allein stehend und gibt deshalb das Mädchen zunächst in ein Säuglingsheim und dann zu einer Pflegefamilie. Doch die Pflegemutter wird krank, das Kind kommt 1934 in das Krüppelheim in Trachenberge. Denn wegen einer spastischen Lähmung der Beine lernt sie nicht laufen. Seit 1936 lebt Ursula im Katharinenhof Großhennersdorf. Der Arzt legt Krankenakten über jedes Kind an. „Das ist ungewöhnlich für die Zeit“, sagt Jürgen Trogisch. „Er hat Fotoalben angelegt, so, wie Mütter das für ihre Kinder tun.“ Ursula war ein aufgeschlossenes Mädchen, das gern half. Eine Schwester notiert 1939 über sie: „Freut sich sehr, wenn ihr im Kindergarten eine kleine Arbeit gelingt. Ist sehr aufmerksam, wenn Geschichten erzählt werden. Ist sehr traurig, wenn sich ihre Spielkameraden zanken. Sie füttert gern Kinder und ist glücklich, dass sie mithelfen kann.“ Als die Ärzte vom Euthanasieprogramm der Nazis erfahren, versuchen sie ihr möglichstes, Kinder zu retten, versuchen sogar, sie wieder zu ihren Familien zu bringen.

Bürgermeister war Vormund

Zunächst wird Ursula nicht zur Tötung vorgesehen. Doch sie kommt nach Kleinwachau und schließlich nach Großschweidnitz. Zu einer Schwester sagt sie: „Dass wir uns trennen, Tante Hilma, muss wohl sein, aber nicht wahr, wir dürfen weinen.“ Ursula hat lesen gelernt und wird in Großschweidnitz konfirmiert. Es ist zu vermuten, dass sie geistig nicht behindert war, dass sie aber nicht rechtzeitig gefördert wurde. Das hat die Verantwortlichen des Euthanasieprogrammes nicht interessiert. Um den 13. Februar 1945 herum hat man Ursula hoch dosierte Schlafmittel gegeben. Die lähmten Schluck- und Hustenreflexe, zugeführte Nahrung verstopfte die Atemwege – Ursula bekam eine schwere Bronchitis, an der sie am 19. Februar starb.

Ihr Sterben leitete man ein, als ihre Geburtsstadt bombardiert wurde. Ein Zufall, der Matthias Neutzner, Mitglied der Gruppe Kunstplan, auffiel. Bis zum Ende ihres kurzen Lebens stand sie unter der Vormundschaft des Dresdner Oberbürgermeisters, das ist ihrem Meldebogen zu entnehmen. Kunstplan hat bereits 50 Mahndepots in Dresden angebracht, Erinnerungsorte, die mit dem 13. Februar und seiner Vorgeschichte zu tun haben. Am Sonnabend, 10.30 Uhr wird das 60. Mahndepot vor der Herz-Jesu-Kirche, Ursulas Taufstätte, angebracht. Es enthält ihre Geschichte. Jürgen Trogisch wird zur Erinnerung ihr Foto mit den großen fragenden Augen mitbringen.

Ursulas Geschichte ist nachzulesen in „Nationalsozialistische Euthanasieverbrechen. Beiträge zur Aufarbeitung ihrer Geschichte in Sachsen“.


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