Mahndepots in Dresden

"Kunst von öffentlicher Relevanz" von Jens Herrmann

Gravuren des Krieges – Mahndepots in Dresden ist ein langfristig angelegtes und in Kontinuität zu realisierendes Kunstprojekt. Grundlegendes Thema ist das Verhältnis von Geschichtserfah-rung und einem daraus aufgerufenen und zukunftsorientierten Verantwortungsempfinden. Angesprochen ist eine der wohl schmerzlichsten Erfahrungen die Menschen machen können: die nahezu völlige Zerstörung ihrer Stadt und damit der Verlust von Existenz und kultureller Identität. Am 13. Februar 1945 versank Dresden in einem zurückgekommenen Krieg. Das Datum steht seitdem vor allem als eines der Symbole für Erinnerung und Mahnung gegen Krieg.
Den Impuls der Interessengemeinschaft »13. Februar 1945«, differenzierte Erinnerungsorte an Krieg, Gewalt und Zerstörung in Dresden zu schaffen, nahmen Künstler auf, die öffentliche Interessenlagen als ihr Arbeitsfeld und Kunst im öffentlichen Raum als Kunst von öffentlicher Relevanz verstehen. Die Autorengruppe wählte eine Form, die kommunikativ Fortsetzung und Weitung finden kann und mit den Menschen der Stadt vielfältig interagiert.
Zentrale Prämisse ist die jährliche Fortschreibung der Mahndepots. Dies motiviert die Zahl der am 13. Februar 2001 erstmal markierten Erinnerungsorte: An 56 Stellen im Dresdner Stadtgebiet wurden Mahndepots eingelassen – eines für jeden 13. Februar seit 1945. Seitdem gingen zahlreiche Anregungen aus der Bevölkerung und von verschiedenen Organisationen für weitere Erinnerungsorte ein. Jahr für Jahr wurde ein weiterer Ort markiert; die schlichte Depotsetzung ohne jegliche Zeremonie wurde alljährlich zum Treffpunkt vieler Dresdner, die einen Bezug zu Ort und Anliegen haben.
Die Dresdner Mahndepots sind auf vielfältige Weise Katalysatoren gemeinsamen Erinnerns geworden: Stadtführer nutzen sie als Ankerpunkte für ihre Darstellungen, Schülern dienen sie als Orte für Anschauung und Nachforschen, manchen Dresdnern sind sie Anlass für Innehalten, Erinnern und Erzählen. Wie in der Prießnitzstraße (ORT 58) werden einige der markierten Orte von Bürgern gepflegt; andere Dresdner bemühten sich um die Sicherung bedrohter oder die Erneuerung beschädigter Depots.
II.
Geschichten und Erfahrungen Betroffener aufzunehmen bedeutet sich zu besinnen. Besinnung ist selten so wichtig wie dann, wenn es um Krieg oder Frieden geht. Vor dem Beginn eines neuerlichen Irak-Krieges im Jahr 2003 wurde weltweit über dessen Legitimation debattiert. Allen Diskutierenden war klar, dass auch dieser Krieg bewusst Opfer in Kauf nehmen würde, deren Mehrheit durchaus als unschuldig empfunden wurde. Die Protagonisten des Krieges tarnten getötete Menschen mit dem Trickwort wort Kollateralschäden. Was in diesem und in anderen Kriegen dann wirklich geschah und geschieht, dass können oft nur die einzelnen Geschichten in ihrer einsamen Betroffenheit beschreiben, wenn sie nicht von Allgemeinem und Phrasenhaften erstickt werden.
Die Erfahrungen der Betroffenen von Krieg und Gewalt sind damit wesentlich für Gegenwart und Zukunft – Erfahrungen, die viele der 100.000 Menschen nicht mehr selbst vermitteln konn-ten, die 1940 die Aufmarschstraßen zum Siegeszug der Dresdner Einheiten nach dem siegreichen Feldzug im Westen säumten: Altmarkt, ORT 4. Fünf Jahre später wurden einige Tausend von ihnen auf dem selben Platz, diagonal gegenüber der Paradestelle, als Bom-benopfer zur Verbrennung aufgebahrt: ORT 47.
Erfahrungen vererben sich nicht einfach; sie müssen kommuniziert werden. Mahndepots in Dresden greift die Ambivalenz der Erinnerungsorte und -geschichten auf, die sich in ihrer Ge-samtheit nur schwer instrumentalisieren oder institutionalisieren lassen. Als künstlerische Ar-beit innerhalb eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs sollen die Mahndepots statt-dessen vom historischen Ausgangspunkt auf gegenwärtige Situationen verweisen und gegenwärtige Verhältnisse hinterfragen. Es geht also um Übermittlung und Vermittlung von Geschichte(n), um Übergeben und Überliefern – lateinisch: tradere. Dies motiviert die jährliche Fortschreibung als Tradition.
III.
Die Erinnerungskultur richtet sich auf die Vorstellung eines noch zu bildenden kulturellen Gedächtnisses, das in der kollektiven Erinnerungsarbeit bereits angelegt wird. Bei Ernst Bloch ist zu lesen: »Das Nahziel muss im Bezug zum Fernziel stehen und das Fernziel muss im Nahziel anwesend sein.« Das Fernziel des Erinnerns an die Zerstörung Dresdens ist Frieden.
Gerade die Dresdner Geschichte von Unterdrückung, Verbrechen, Krieg und Zerstörung bietet ob ihrer Widersprüche und Abhängigkeiten eine besondere Möglichkeit, den Argumenten für militärische Gewalt in unserer Zeit zu begegnen. Die Zerstörung der Stadt war eine Folge des von hier ausgegangenen Unrechts. Schuld verlangt Sühne, so warnte Thomas Mann bereits 1941 das deutsche Volk in seinen BBC-Rundfunkreden. Auch die Frage nach der Schuld ist in sich ambivalent. Schuld, die sich Menschen Generationen vor uns aufgeladen haben, können wir nicht in uns tragen. Wir können aber darum wissen und an diesem Wissen unser Handeln orientieren.
Die Dresdner Mahndepots stellen Fragen nach dem Sinn und der Legitimation von Krieg und militärischer Interessenpolitik in der Gegenwart. Aus reflektiertem Erinnern kann Engagement entstehen; das Kunstprojekt steht im Zeitverlauf und wird aktualisierend weiterformuliert. Christa Wolf schrieb in Kassandra: »Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eintragen, überliefern. Was stünde da? Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den Eigenen täuschen.«

Jens Herrmann

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